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Liebe Leserinnen und Leser,
das Glockengeläut der nahen Dorfkirche halbiert gerade den Tag in Vor – und Nachmittag, ein Moped markiert akustisch mit lautem Geknatter
den Straßenverlauf und ein sich langsam verlierendes, auf- und abschwellendes Rauschen hoch oben vom Himmel kommend verabschiedet ein Flugzeug in Richtung Südost. Neben dem
Klingeln von Telefonen, den Signaltönen von PC`s, dem unterschiedlichen Geräuschen der Drucker und den Rufen der spielenden Nachbarskindern mischen sich Wortfetzen aus dem
angrenzenden Büro in den gewohnten Schallteppich, von dem meine Ohren ständig gereizt werden, wovon aber vieles über Filter im Gehirn gesteuert nicht mehr so deutlich
wahrgenommen wird. Was zur Erledigung der aktuellen Aufgaben unnötig ist, wird ausgeblendet. Das ist wirklich praktisch. Oder ist es gar nicht so praktisch? Ich glaube,
diese Selektion ist eine Notwehrreaktion unserer Ohren, die mit viel zu viel Geräuschen klar kommen müssen, einem ständigen akustischen Bombardement ausgesetzt, das von der
Evolution gar nicht eingeplant wurde. Schön, dass es für uns Taucher die immer so hoch gepriesene schweigende Welt gibt. Da können wir uns dazu noch im Zustand des Schwebens
völlig erholen. Ganz ehrlich, solch verklärte Phrasendrescherei klammert die Realität völlig aus. Das Erlebnis relativer Stille unter Wasser bleibt First Class Gästen
abgehobener tropischer Tauchbasen oder absoluter Luxusyachten vorbehalten, die den Flug zum Urlaubsort erster Klasse antreten. Vor dem Boarding noch ein entspannter Aufenthalt in
der VIP – Lounge, kein langes Anstehen am Checkin – Schalter. Im deutlich geräuschreduziertem Ambiente der ersten Klasse verbringt man den Flug in bequemen Sesseln,
die ohne Zugabe von Valium im letzten Drink ein mehrstündiges Schläfchen bis zum Frühstück garantieren. Am Zielort schickt man den Butler zum Einchecken an die Basis, man wird
nie der Geräusche laufender Kompressoren oder nervös geschäftiger anderer Gäste gewahr, im Privatboot geht es zum ausgesuchten Tauchplatz mit Garantie, dort die Welt für sich
allein zu haben.... Das ist keine Geschichte aus 1000 und einer Nacht. Wenn Sie den wirtschaftlichen Hintergrund haben, dann können Sie sich den „Luxus“ von relativer
Stille an beliebigen Orten leisten, ein „Luxus“, der allen gut tun würde. Erstaunlich aber, nur die wenigsten können mittlerweile mit „Stille“ umgehen.
Stadtmenschen haben Schlafstörungen auf der ruhigen Almhütte oder es gibt die Clique von Motorradfahren, die nur zum TÜV die genehmigte Auspuffanlage vorführen und sonst mit
einer mörderisch laut modifizierten Schallhaubitze kilometerweit die Umwelt mit Lärmmüll verpesten. Wenigstens strafen ihnen ihre Ohren den Platz im Zentrum der
Lärmmüllproduktion mit bald einsetzender Schwerhörigkeit. Ich sorge mich, was jene wohl nach Einführung von Elektro – Motorrädern, die es im übrigen schon gibt und
völlig geräuschlos dahinfliegen, machen werden. Vielleicht mit Megafon unterm Arm und digitalem Explosionsgeräuschen durch die Landschaft düsen? Und dann sind wir Taucher
auf dem Trip zum Schweben in die „schweigende Welt“. Längst nicht alle Basen oder Safariboote betreiben geräuschgedämpfte Kompressoren. Nicht selten trennt nur ein
Mäuerchen, ein Schott den Standort der großkalibrigen Füllanlage vom Empfangs oder Rüstbereich der Gäste. Ausfahrten mit Schlauch- oder Sturmbooten begleiten Außenborder
mehr oder weniger dröhnend. Abgetaucht spielt die an den Ohren vorbeiziehende Ausatemluft alles andere als eine kleine Nachtmusik, der Tauchcomputer piepst bei jeder Gelegenheit,
Shaker von Tauchbegleitern machen auf diese oder jene intergalaktische Sensation aufmerksam, über dem Kopf fahren Schlauchbootcrews heiße Rennen.... Dass das Meer
eigentlich leise knistert und ihre Lebewesen sehr wohl markante Geräusche produzieren, das geht dabei völlig unter. Denn da gibt’s noch jene, die die Ausläufer eines
Unterwasser – MP3 – Player in die Ohren gesteckt haben, schon länger erhältlich in verschiedenen Preisklassen... Und nach Sonnenuntergang im Tropenparadies oder
auf dem Safariboot, da zirpen keine Grillen, da singt kein Nachtvogel, da rauschen die Klimaanlagen ihr Lied, brummen Generatoren, brodeln Kompressoren... Ach Sie meinen, mit
einem Rebreather wäre man akustisch aus dem Schneider – aber nur zu einem ganz, ganz kleinen Teil dessen, was rundum zur “schweigenden Welt” gehört.
Genießen Sie diese Zeilen mal ganz in Ruhe,
herzliche Grüße
Ihr
Michael Goldschmidt
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