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Als Anita Becker und Ingo Vollmer in diesem Sommer wieder einige Wochen Tauchsafari in den Buchten Neufundlands machten, stand die nicht
ungefährliche Idee im Vordergrund an Eisbergen zu tauchen. Aber neben dem Abenteuer direkt an den eisigen Wänden der schmelzenden Riesen in die Tiefe zu gleiten gab es
neue und unberührte Wracks zu besuchen, die ihr örtlicher Guide Rick entdeckt hatte. Und die haben es in sich...
Das Wasser ist eiskalt, in den
Sommermonaten hat es wenigstens 1° C, im Winter -3°, -4° C, nicht gerade sehr einladend. Dazu der ständige Schwell, der auch bei besten Bedingungen das Wasser ständig
in kräftiger Bewegung hält. Strahlender Sonnenschein mit traumhaften Panoramen wechselt innerhalb von Minuten mit dickem Nebel, der die Hand vor Augen nicht mehr
erkennen läßt. So kann man die Situation in Neufundlands Conception-Bay beschreiben. Doch genau das ist es, was Anita Becker und Ingo Vollmer suchen, grandiose und
einsame Natur und um dort zu tauchen, wo wahrscheinlich noch nie jemand den Kopf freiwillig unter Wasser gesteckt hat. So war das mit den Tauchgängen an den Eisbergen,
ein Unternehmen, dessen Risiken fast nicht abschätzbar sind. Ein Eisberg lebt, ist ständig in Bewegung und in den wärmeren Zonen, dort, wo er langsam schmilzt, ein
gefährlicher Aufenthaltsort. Aber die Anziehungskraft wirkt stärker als alle Argumente, die dagegen sprechen und das Abenteuer gelingt. Und ganz in der Nähe hat ihr
Guide Rick einen Schiffsfriedhof entdeckt, vier von deutschen U-Booten versenkte Frachter, bei deren gewaltsamen Untergang viele Seeleute mit in den Tod gerissen
wurden. Wracks haben überall auf der Welt ihre besondere Ausstrahlung, gerade aber auch jene, die noch nie von Tauchern erkundet worden sind. Für Anita Becker und Ingo
Vollmer ist klar, dass hier getaucht werden muss.
Das eiskalte Wasser und die Tiefe, auf 55 Metern liegen die 4 stählernen Kriegsopfer, fordern alle Kraft.
Zudem steht in dieser weit abgelegenen Region keine Basis zur Verfügung, die Mischgasausrüstungen versorgen könnte. So sind die 2x 7 l Flaschen mit Pressluft gefüllt.
Der Abstieg geht direkt zum Grund, um sich von dort langsam nach oben voranzuarbeiten. Die Kulisse der Wracks ist atemberaubend. Dichter, üppiger Bewuchs, größer und
bald farbiger als in den Tropen, überzieht Aufbauten und Seile. Und da liegt dieses röhrenförmige Gebilde, mit den Seitenflossen und der Antriebsschraube, plötzlich
vor den Tauchern. Ein Torpedo, der sein Ziel wohl fand aber nicht detonierte. Der Kopf mit Zünder ist vermutlich beim Auftreffen auf das Ziel abgetrennt worden. Der
Ring, der den Kopf mit dem Rohr für Batterien, Sprengladung und Antrieb verband, liegt vor dem Torpedo. Eine gespenstische Entdeckung. Und ein ganz besonderes
Fotomotiv dazu! Die knappe Grundzeit von 10 Minuten reicht gerade aus den Fund von allen Seiten abzulichten. Mit zunehmend klammen Fingern wird das Handling der Kamera
nicht einfacher und langsam wirkt auch der Stickstoff im Kreislauf. Nach etwa 30 Minuten ist die Oberfläche wieder erreicht, das kleine Fischerboot, das die Taucher
mit langer schwankender Fahrt hierher gebracht hatte, nimmt seine deutschen Gäste wieder auf und hält Kurs auf das Festland. Mit einer Hand an der Pinne, der anderen
am kleinen Campingkocher versucht der Skipper einen Topf mit Kartoffeln und Fisch zu kochen. Das Essen ist fertig, als man den Steg erreicht, so gibt es den warmen
Lunch wenigstens auf festem Boden.
Ein paar Tage später ist die Geschichte Tagesgespräch. Zuerst geht über einen französichsprachigen Radiosendung die
Sensationsmeldung: “Deutscher Taucher findet deutsches Torpedo!” Am nächsten Tag hat sich die englische Radiostation mit ähnlichen Meldungen an die Hörer
gewandt. Und schon gibt es Pläne zur Beseitigung der “Gefahr”. Die kanadische Marine will kurzfristig die Sprengung durchführen. Rick ist verzweifelt. Dies
würde auch die Zerstörung der Wracks, der Ruhestätte vieler Seeleute, und allen marinen Lebens am Riff nach sich ziehen. Im Wettlauf gegen die Uhr werden alle in Frage
kommenden Stellen, Umwelt-, Naturschutz- und Tourismusbehörden mobilisiert. Es hilft. Die Politik setzt sich dafür ein, dass die Sprengung nicht erfolgt, da der
fehlende Zünder das Torpedo unschädlich gemacht hat. Doch man möchte als “Andenken” den Verbindungsring bergen. damit dieser in einem Museum ausgestellt
werden kann. Das sogar im Beisein des Tourismusministers. Doch die Zertifikate der örtlichen Taucher lassen eine Operation in so großer Tiefe im öffentlichen Autrag
nicht zu.
Wieder sitzt der professionelle Tauchspezialist Ingo Vollmer im Flugzeug Richtung Kanada. Am 27. September 2001 trifft er in Halifax ein um dann einige Tage später die Bergung des Artefakts durchzuführen.
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