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Wir lieben Inseln mit einem Hausriff, denn man hat 24 Stunden Zugang zu Neptuns Reich, das alles ohne eine Gruppe anderer Taucher zu begegnen, denn es herrscht im Tauchvolk
vielfach immer noch die Meinung, dass ein Hausriff nur eine Notlösung darstellt und kein vollwertiges Angebot für schöne Erlebnisse im tropischen Meeresambiente.
Höchstens für die Ausbildung mag es reichen, Schnuppertauchen oder einen Checkdive, aber nicht für „richtige“ Tauchgänge. Diese weitläufige Meinung schützt die Korallen am
Hausriff ganz automatisch, wenig Taucher, wenig Gefahr für die Natur, denn immer noch ist für viele das Thema Tarieren oder „Hände weg“ nicht zum submarinen Verhaltenskodex
geworden. Dhonifahrten können zu ganz netten Zielen führen, die mehr oder weniger Garantie für Haibeobachtungen, Mantameetings, bunte Fischschwärme oder große Fächerkorallen
bieten. Auf unserer Insel kann man der Bequemlichkeit frönend mit einer ganz kurzen Dhonifahrt sogar zu einem dem Hausriff gleich vorgelagerten Lobsterpoint fahren, der auch
mit Flossenkraft erreichbar wäre. Das hatten wir schon mal versucht und wollten dazu auch den mit einem Seil als Ariadnefaden und einer Boje gekennzeichneten Ausstieg übers
Riffdach nutzen, der uns von einer bezaubernden Belgierin, auch ein Guide der Basis, in schwärmerischen Worten auf englisch erklärt worden war. Leider vergaß sie in ihrer
Begeisterung zu erwähnen, dass der Ausstieg nur bei Flut zu machen wäre…, dazu fehlte uns dann noch ein ganzes Stück und böse Schrammen im Bein zeugen nun von der etwas
lückenhaften Beratung… Aber warum sich nicht ausnahmsweise den kleinen Luxus gönnen und direkt am Tauchplatz abspringen, ohne 25 Minuten Anmarsch von Land aus. Das
Dhoni wartet schon, die Flaschen sind an Bord, ebenso das persönliche Equipment. Handtücher und eine kleine Flasche Wasser für den Komfort nach dem Tauchgang sind auf den Plätzen
der Gäste verteilt. Mit an Bord 4 Gäste aus Österreich – ein Elternpaar mit erwachsener Tochter und deren Freund - , ein japanisches Pärchen, ein Holländer, eine für ihr
junges Alter bereits sehr gut gepolsterte Amerikanerin, ein Guide aus Japan und ein vielsprachiger junger Guide mit Rastahaaren, Piercing in der Zunge und französischen Akzent.
Der Diesel des Dhoni knattert und der Wind treibt die stinkenden Abgase übers ganze Boot. Rasta hatte vor ein paar Tagen einen nach erst einem Tauchgang spontan abblasenden
Test - Atemregler unserer Ausrüstung an sich genommen und verbreitete durch sein Tun den Anschein, das Problem zu beseitigen. Nachdem das Teil in der Basis zwei Tage später wieder
abgeholt worden war, alle Anschlüsse – vom Oktopus bis zum luftintegriertem Computer – wieder montiert waren, sollte die Testreihe weitergehen. Bis jetzt war
die größte Hürde vor dem Tauchgang, das festgeknallte Ventil der Flasche zu öffnen, die Kompressorboys handeln nämlich auch hier frei nach dem Motto, das sich vom Roten Meer bis
in den Indik spannt: Viel hilft viel! Vielleicht war der „reparierte“ Regler über das unerwartet fast mühelose Öffnen des Ventils so überrascht worden, dass er gleich
literweise Nitrox mit lautem Gezische übers Dhoni bläst, als gelte es, dem Dieselgestank massiv paroli zu bieten. Der fragende Blick zu Rasta, dessen handwerkliches Geschick
in Frage stellend ausfällt, wird nach Beendigung der Sauerstoffdusche freundlich kommentiert, dass er nichts an dem Regler gemacht hätte, damit die Garantie nicht verloren geht.
Ein sonniger Witzbold, dessen Garantiebekümmerung, die völlig überflüssig gewesen ist, zum ersten Meilenstein einer in der Summe merkwürdigen Taucherfahrung wird. Ich
entscheide spontan abzubrechen, da die fotografische Dokumentation des Tauchplatzes ohne Model im Bild sinnlos ist. Da kommt Leben in Rasta, der von Bord springt, um aus der Basis
einen Leihregler zu holen. Minuten später hängt statt dem modernsten atemtechnischen Highendprodukt ein im Tauchschulbetrieb schon einiges hinter sich gebrachtes
Luftversorgungsmodell an der Flasche, was bei den Aufnahmen mit Model nicht so prickelnd wirken würde. Dann geht’s ab zum 5 Minuten entfernten Tauchplatz, 4 Minuten davon
manövriert der Steuermann durch die Lagune um die Fahrrinne zu erreichen. Die nächsten zwei Minuten werden zur persönlichen Zitterpartie, denn der Einfallsreichtum von
maledivischen Hilfskräften eine Kameraausrüstung an den filigransten Punkten haltend ins Wasser anzureichen ist schier unendlich, auch wenn man vorher ein kleines Briefing gemacht
hat. Doch diesmal klappt es reibungslos und es kann auf Tiefe gehen. Rasta hat die Amerikanerin und den Holländer im Schlepp, das japanische Pärchen taucht mit der Japanerin als
Guide, auch die Österreicher wollen in Zweiergruppen zusammenbleiben, wie wir auch. Die Sicht ist miserabel und ein Baggersee in Deutschland könnte locker mitpunkten. Keine Minute
unter Wasser schießt mir der Holländer eine mit dem wild fuchtelnden Arm und hebelt damit meinen Regler aus dem Mund. Das stört ihn aber überhaupt nicht und er setzt seinen
stierartigen Abstieg fort, einzig Rasta als Ziel fixierend. Im nächsten Moment muss ich mein Model vor den Sligshot – Flossen, die den zweiten Tauchgang am Socken des jungen
Österreichers absolvieren, in Sicherheit bringen. Sein Tritt hätte wohl die Versenkung der Baron Gautsch und damit den Untergang der kaiserlich österreichischen Kriegsmarine vor
Kroatien rächen sollen und hätte meine bessere Hälfte aus dem Gefecht gezogen. Nachdem gerade noch im letzten Moment eine konzertierte Rammattacke japanischer Natur abgewehrt
worden war, gab es nur noch eine Devise, weg von diesem Haufen Wahnsinniger in Neopren, dem nicht nur der Blickwinkel unter Wasser stark eingeengt zu sein scheint. Die
Grüppchen haben etwas heuschreckenartiges, so, wie sie über das herfallen, was sich ihnen in der Tiefe bietet. Jungaustria hat sich wohl nicht nur neue Flossen sondern auch ein
neues Lämpchen gegönnt und so liegen die beiden vor jedem sich bietenden Loch, halten sich fest, wo immer es geht, wirbeln Sand auf ohne Ende. Wüsste ich es nach einem
persönlichen Test nicht besser, ich hätte danach nur noch behauptet, dass diese Flossen 1a zum Einnebeln taugen. Bei der Sicht ist das schon fast ein marginaler Frevel. Zwischen
den Korallenblöcken spurten sie hin und her, wie Bienen auf der Suche nach Nektar. Volle Deckung! Endlich habe ich ein Motiv entdeckt, ganz für uns alleine, als im Moment
der ersten Belichtung, besser beim Versuch der Belichtung, die japanische U-Bootflotte, natürlich mit kleinen Knipskästchen ausgestattet, die in diesem Tauchgebiet kaum was
brauchbares abspeichern können, die Rammaktion von unten wiederholt und das Gebiet besetzt. Langsam werde ich sauer und bin drauf und dran handgreiflich zu werden. Ich werfe
erst mal meine Kameraausrüstung weg, die am Sicherungstool hängend als Treibanker wirkt, damit ich für das Angedachte beide Hände frei habe. In dem Moment kommt Rasta ganz
euphorisch angedüst und gibt hektisch das Handzeichen für „Hai“. Das wäre ganz nett denke ich mir, lasse von meiner Kriegserklärung gegenüber Japan ab und schenke ihm einen
dankbaren Blick, schaue dann ins offene Wasser, das baggerseetrüb die Szenerie wie ein Deckmäntelchen für das überzieht, was hier so vor sich geht und besser nicht an die
Öffentlichkeit kommt. Falsche Richtung. Rasta deutet heftig auf den Korallenblock vor mir, dessen kopfgroße Öffnungen von den Japanern völlig ausgefüllt werden. Da muss wohl
was drin sein. Also warte ich, bis sich mal der Hauch einer Gelegenheit ergibt, dass die Japaner von der Fotosession ihrer Speisekarte ablassen. Währenddessen nutze ich die Zeit,
um das Bildarchiv der Redaktion mit einer Serie von Bildern aufzustocken, die das Gegenteil von richtigem Verhalten beim Tauchgang ohne Worte dokumentieren. Erst als Rasta das
intuitiv bemerkt, schießt er auf die japanische Taucherin zu, die wirklich alles anfasst und sich daran festhält, was in ihre Hand passt und weist sie mit theatral strenger Gestik
auf ihr Fehlverhalten hin. Endlich kann ich einen Blick in das Innere des Korallenblocks erhaschen und sehe ein Stückchen Ammenhai, der wohl an die zwei Meter lang sein
könnte und sich in seinem schildkrötenartigen Panzer so weit zurück gezogen hat, dass ihn das ganze Gehampel vor der Türe gar nicht meinen kann. Nun gut, es soll ja noch einen
Höhepunkt zum Schluss geben, die Fledermausfische in der Zone um 5 Meter auf der obligatorischen Dekostufe. Deshalb seilen wir uns als erste gen Oberfläche ab und schon sind die
gestreiften Flachmänner mit den gelben Brustflossen zur Stelle, kommen hautnah heran und denken sich ihren Teil. In erster Linie genießen sie das Bad in den Ausatemluftblasen der
Taucher unter ihnen. Da habe ich ein Exemplar ausgemacht, das im richtigen Abstand, ohne Blasenvorhang und in im Profil vor mir hängt. Ich möchte eine Bildserie machen, vor dem
ersten Bild taucht plötzlich der Holländer von oben kommend in meinem Kamerasucher auf und macht Loopings um den Fisch, meine Bildinteressen sind ihm schnurzegal. Jetzt
reichts, die Kamera wird abgeschaltet, der Blitz ans Gehäuse angelegt und ich möchte nur noch an Bord, in die Basis, in meinen Bungalow und dann eine Dose Bier aufmachen,
deren 6 am Vorabend beim Krabbenrennen gewonnen worden waren. Rasta erklärt bei der kurzen Rückfahrt, auf der sich alle im Dhoni wieder in ganz normale Menschen zurück
verwandelt haben, dass es am nächsten Morgen zum Mantapoint ginge. Natürlich wäre das ein toller Fotospot. Doch die deutsche Sprache hat nicht umsonst den Konjunktiv erfunden
– wäre steht hier als Abkürzung für: Vergiss es , neben dem Unterwasser – Panikorchester dieser Basis sind in der Regel noch 6 weitere Lustbarkeitsdampfer vor Ort, mit
ähnlich strukturierten Zeitgenossen aus allen Ländern der Welt. Nein Danke und der Blick auf die Liste für die Mantapoint – Fahrt bestätigt die schlimmsten Erwartungen,
es ist alles aufgeboten, was sich hier basisbetreut versenken lassen kann. So gehen wir den nächsten Morgen ganz entspannt an, Frühstück bis um 10:00 Uhr, da die Ausfahrt um
9:00 beginnt, erwarten wir eine entspannende Alleinherrschaft auf der Basis, für einen Hausriff – Tauchgang, ohne künstliche Hektik, ziellose Dynamik und hackordnende
Platzverteilung. Auch die Kameraausrüstung wäre nicht in potentieller Gefahr heftiger mechanischer Schocks, da hierfür ein sicheres Plätzchen einfach fehlt. Vorher wollen wir
aber den Regler abholen, dessen zweite Stufe Rasta nun doch angesehen haben wollte, nicht nur äußerlich. Außerdem müssen wir noch durch einen der Guides oder TL`s den Nitroxgehalt
unserer Flaschen messen lassen. Die Basis hat geregelte Zeiten, von 8:00 Uhr bis 12:00 Uhr und 14:00 Uhr bis 18:00 Uhr ist jemand da. Es ist 10:15 Uhr und das einzige, was da
ist, ist ein Schild, dass man erst um 11:30 Uhr von der Ausfahrt zurück käme. Dass man einen Betriebsausflug geplant hatte, war uns nicht bekannt. Nur gut, dass dieses Mal der
Produktionsstress nicht ganz so groß ist und auf dem Laptop doch schon einiges an Arbeit im neu produzierten Bildarchiv wartet. Aber auch die schrägen Erlebnisse können so
zeitnah konserviert werden…
by Michael Goldschmidt 9.08
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