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"Wal bei 3 Uhr voraus!" Alle Augen wandern nach Steuerbord und suchen den Horizont nach Anhaltspunkten ab, die üblicherweise die Anwesenheit eines der sanften Riesen
von Samaná verraten. "Da bläst er wieder!" Dieses Mal sieht es jeder. Zwei oder drei Atemwolken, dünnen Rauchfahnen ähnlich, steigen in einiger Entfernung hoch. Unser
Skipper hält darauf zu. Dann drosselt er die Maschine, damit das Schiff fast geräuschlos über die Samanábucht gleiten kann. Urplötzlich tauchen zwei glänzend schwarze Körper Seite
an Seite aus der Tiefe auf, scheinen in den blauen Himmel hineinzuwachsen, krachen gegeneinander und sinken in ihr Element zurück, eine Detonation weiß schäumender Gischt
verursachend. Das Schauspiel dauert nur wenige Sekunden, und mir ist, als habe ich die Geburt und den Untergang einer vulkanischen Insel erlebt. "Das waren Mitglieder einer
Junggesellengruppe", erläutert unsere Walexpertin an Bord. "Offenbar zwei Bullen, die um die Gunst einer Gefährtin kämpfen."
Jetzt überholen uns auch die
übrigen Angehörigen der Herde. Ihre leicht gewinkelten, narbigen Buckel beschreiben einen Bogen über der folienglatten See, die ähnlich geformten grünen Hügel der Halbinsel
dahinter für einen Augenblick zur Bedeutungslosigkeit verurteilend, um dann wieder zu versinken - alles in einer fließenden Bewegung. Hier und da kondensiert die von den Tieren
ausgeatmete Luft zu einer zwei Meter hohen Fontäne aus Wasserdampf. Dieser "Blast" gleicht weißen Nebelschleiern, die der Wind in unsere Gesichter weht. Wenn die
riesigen Meeressäuger abtauchen, bleibt nichts weiter zurück als ein kreisrunder, schaumgekrönter Strudel, der nach und nach zur Ruhe kommt.
Scheinbar haben wir genau
den richtigen Tag zur Walbeobachtung vor Samaná gewählt, einen Tag mit sanfter Dünung und wolkenlosem Himmel. Auf dem Weg von der kleinen, abgelegenen Pier hierher gibt uns die
meeresbiologisch kundige Leiterin des Bootsausflugs Informationen zur Lebensweise der Buckelwale und erzählt stolz, dass die meisten der nordatlantischen Vertreter dieser Art
(Megáptera novaeangliae) echte "Dominicanos" sind. Etwa 85 Prozent des im Nordatlantik lebenden Buckelwalbestandes (ca. 10.000 Exemplare), die man hier "ballenas
jorobadas" nennt, verbringen die Wintermonate zwischen Mitte Januar und Mitte März nach einer langen Wanderung von Island und Grönland via Neu-England in den warmen
karibischen Gewässern. Zu ihren bevorzugten Paarungs- und Wurfplätzen vor Ort gehören die unzugänglichen Silberbänke (Banco de la Plata), eine langgezogene Untiefe etwa 150
Kilometer nordöstlich von Puerto Plata und die Samanábucht, der größte geschützte Naturhafen der Karibik.
"Hier geht es ungefähr so zu wie auf einem Ball der einsamen
Herzen, wo jedermann scharf auf eine Verabredung ist", kommentiert die Leiterin. Und die normalerweise verträglichen Leviathane geraten derart außer Rand und Band, wenn sie
um Geschlechtspartner konkurrieren, dass sie sich zwischen andere "Paare" drängeln und tollkühne Sprünge vollführen, wobei sie gelegentlich gut zwei Drittel ihrer
massigen Körper über die Wasseroberfläche wuchten.
Unser Walbeobachtungsschiff passiert Cayo Levantado, fälschlicherweise bekannt als die "Bacardi Insel", und
steuert auf den Eingang der Bucht zu. Es dauert nicht lange, und jemand sichtet wieder einen "Blast", dieses Mal an Backbord. Etwas, das aussieht wie ein übergroßes, mit
dem Wind treibendes Blatt, entpuppt sich als Brustflosse eines verspielten Buckelwalkälbchens, das unter den wachsamen Augen seiner Mutter im Wasser planscht. Nach einer Tragzeit
von etwa 10 Monaten werden die "kleinen" Kerle fast 5 Meter lang geboren. Die Mutter stillt sie 5 Monate mit unglaublichen Mengen (bis zu 190 Liter täglich)
nährstoffreicher, 35 Prozent fetter Milch (Kuhmilch zum Vergleich enthält nur 3,5 Prozent Fett), was erklärt, warum Wale die am schnellsten wachsenden Säugetiere sind. Pro Tag
legen sie nicht weniger als 100 Kilo Gewicht zu (4,5 Kilo die Stunde), eine stramme Tonne in 9 Tagen! Ausgewachsen erreichen Buckelwale 8 bis 15 Meter Länge und wiegen rund 30
Tonnen. Da das Muttertier während des gesamten Aufenthaltes in der Samanábucht keine Nahrung zu sich nimmt, verliert sie wiederum deutlich an Gewicht. Sobald die Mutter abstillt,
ernähren sich die Jungen auf dem Weg zurück in den weiten Norden wie ihre Eltern von Krill und kleinen Fischen (hauptsächlich Lodden), die sie durch ihren mächtigen, beiderseits
mit 400 faserigen Barten besetzten Kiefer filtern.
Ungeachtet der zerbrechlichen Kreaturen, die sich an Bord des Schiffes ihre dürren Hälse verrenken und mit seltsamen
Geräten ein merkwürdiges Klickkonzert veranstalten, das ganz anders als die geheimnisvollen Gesänge ihrer eigenen Art klingt, schubst die Wahlkuh ihren Sprößling vorwärts in
Richtung offene See. Erst nachdem beide meinem Blick entschwunden sind, kommt mir zu Bewusstsein, dass ich vergessen habe, den Auslöser meiner eigenen Kamera zu betätigen.
Als unser Schiff wieder seinem Heimathafen zustrebt und sich die meisten Passagiere sonnenbadend an Deck ausstrecken, sitze ich noch immer gebannt an der Bugspitze, die Augen auf
das Wasser geheftet. Irgendwie ahne ich, dass noch etwas geschehen wird - ich muß nur warten.
Tatsächlich: Wir befinden uns etwa auf der Höhe von Cayo Levantado, da
schiebt sich steuerbords, keine 50 Meter von der Stelle entfernt, wo meine Beine über das Deck baumeln, der gewölbte Rücken eines alten Einzelgängers aus der spiegelnden See. Der
Wal buckelt und präsentiert, gerade als ich denke, es sei alles vorüber, wie zum Abschied winkend seine kolossale Fluke mit dem einprägsamen Schwarzweißmuster - einen
Wimpernschlag lang wie eingefroren vor der Himmelskulisse. Individuell das Muster, das persönliche Markenzeichen eines jeden Buckelwals, das unverwechselbar wie ein Fingerabdruck
ist. Ich will soeben auf den Auslöser drücken, da überfällt mich plötzlich eine beunruhigende Vision.
Ein Mann (bin ich es?) steht am Bug eines Schiffes, doch in den Händen
hält er statt eines Fotoapparates eine Harpune aus schimmerndem Stahl. Als ich wieder durch den Sucher blicke, ist die Bucht leer.
Später am Nachmittag, ich trinke gerade
eine Tasse Kaffee in einem der Restaurants auf dem Malecón, werde ich Zeuge einer angeregten Diskussion unter ein paar jungen Meeresbiologen, die ich zuvor schon auf dem
Walbeobachtungsschiff bemerkt hatte. Einer fragt zweifelnd in die Runde, ob derartige Unternehmungen den bedrohten Tieren nicht schadeten. Er verweist darauf, dass der Rummel, den
die "whale watchers" im Alenuihaha-Meeresarm zwischen Maui und Hawaii veranstalten, den Rückgang der dortigen nordpazifischen Bestände nach sich gezogen habe. Wie er
meint, verursachen solche Störungen gewiß Verhaltensirritationen, insbesondere während der lebenswichtigen Paarungszeit.
Einer seiner Kollegen stimmt grundsätzlich zu, doch
glaube er nicht, dass Verbote das Problem lösen können. Einen Wal in seinem Element bewundern zu können sei, so argumentiert er, ein solch bewegendes Erlebnis, welches nicht
allein dem Walschutz
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